Montag, 15. Januar 2007

Grundrecht auf ein Studium?

Angesichts der realpolitischen Satire der letzten Tage in Absurdistan - vormals Austerlitz (Copyleft by Charles Chaplin) erlebt die studentische Bevölkerung eine neue Vatiante von geistreichen Irrwitz: So kolabierte der designierte Bundeskanzler vor seinem Vor- und Koalitionsab-Gänger in der "Streitfrage" der Studiengebühren.

Die FRAGE der Studiengebühren wurde 2001 von Handarbeitsministerin E.Gehrer mit dem Versprechen, es werde an österreichischen Universitäten keine ebensolchen geben, eingeführt. Als sozialdemokratisches Symbol des Freien Hochschulzugangs (den es zu nun verbarrikadieren gilt?) wurde die FRAGE wahlkämpfend mit Zähnen verteidigt. Bereits im November wurde die FRAGE informell an die Österreichische Verhandlungs Partei (ÖVP) abgetreten. Der neue "Bildungsklauer" (copyleft by ÖH) Alfred Gusenbauer lieferte auch die ANTWORT zur Rettung des freien Hochschulzugangs: Gemeinnützige Tägigkeiten vulgo Sozialarbeit sollen Studierenden die WOLLEN HELFEN, die Studiengebühren wieder wegzufinanzieren.

60 Stunden im Semester zu helfen ist sicherlich nicht arg - viele Studierende machen das freiwillig. Es ist auch nicht schlimm, gemeinnützige Arbeit oder soziale Arbeit zu verrichten, vielleicht nur ein paar wenige die sich daran stoßen würden (um die geht es mir hier gar nicht).
Schlimm ist es nur, wenn es dieser Vorschlag anstelle von Fakten und Verhandlungen steht. Wurde überhaupt verhandelt, oder war "Gusi" einfach nur geil auf das Kanzleramt? Auch diese Frage schweift ab - aber sie solte stellvertretend für viele weitere Fragen im Raum stehen, wie z.B. Wie vertrauenswürdig sind unsere PolitikerInnen überhaupt?

Sicher ist, dass soziale Kompetenz immer mehr zum Manko von Persönlichkeit geworden ist (warum suchen Firmen bei Neueinstellungen und Wiederbesetzungen denn immer so verzweifelt Menschen mit "social skills"?). Auch sind die Meisten zu AlleinentscheiderInnen ihres Lebensentwurfs geworden. Dabei haben sie nur die eigenen Bedürfnisse und Interessen im Blick. Da liegt das Argument doch gleich nahe der Hand: Soziale Kompetenz durch Sozialarbeit! "Soin amol wos tuan fias Göd."

Damit ist es aber nicht getan. Wenn 200.000 Studierende im Jahr 24 Mio. Arbeitsstunden zu 6 EUR verrichten, dann drückt das ganz schön die Preisspirale runter - nicht nur für die sprichwörtliche "Polnische Perle", deren Dienste angeblich selbst die Familie des Schweigekanzlers Schüssel in Anspruch nahm, sondern auch der heimischen gut ausgebildeten (weil AkademikerInen!) SozialarbeiterInnen. Immerhin ersetzen die Studierenden dann zahlenmässig fast 15.000 MitarbeiterInnen pro in diversen NPOs.

Damit komme ich auch schon auf den Punkt: Von Sozialarbeit zu sprechen ist falsch: SozialarbeiterInnen sind an Akademien und Fachhochschulen gut ausgebildete Fachkräfte, die einen professionellen Umgang mit "schwierigen" Menschen gelernt haben,  mit Alten, Kranken und Behinderten. Gemeinnützige Arbeit dann? Diese wird aktuell von Häftlingen, AsylwerberInnen und Arbeitslosen ausgeübt, ohne dass ich den Wert - weder der Menschen noch der Arbeit - durch diese Aussage mindern will.

Der Plan mag also gut gemeint sein, es wird (wie der freie Hochschulzugang) wieder einmal an der Durchführung scheitern. Welche Organisationen sollen denn eigentlich überwachen, dass (theoretisch) alle 200.000 aktiv Studierenden einen Platz bekommen - im Sinne des österreichischen Gleichheitsgrundsatzes? In Israel gibt es eine 25jährige Erfahrung mit viel Aufbauarbeit und auch die Philosophie hinter diesem System ist eine andere. Deshalb verurteile ich nicht die Idee, Kritik übe ich ausschließlich daran, dass dieser Vorschlag als Verhandlungsmasse in die Koalitionsverschenkungen eingebracht wurde ohne sich vorher ernsthaft Gedanken darüber gemacht zu haben, ob das auch funktionieren wird. Die Sozial-ist-ische Partei entblödete sich nicht, kurz nach Bekanntgabe des Schlamassels einen Artikel auf ihrer eigenen Webseite mit den Worten "Freier Hochschulzugang wieder hergestellt" zu betiteln.

Im Übrigen hatte ich bereits vor einigen Jahren einmal den Vorschlag gepostet, dass bei einer Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht (und damit des Zivildienstes) für alle MaturantInnen ein Freiwilliges soziales Jahr angeboten werden sollte, sowohl für die Burschen als auch für die Mädchen: Der Vorteil wäre, dass die jungen Menschen nicht nur die Traumstrände des Lebens kennenlernen sondern auch mit dem konfrontiert werden, was einen großen Teil unserer Gesellschaft ausmacht. Und sie hätten ein ganzes Jahr Zeit, sich über den persönlichen Lebensentwurf konkret und aus der Erfahrung nachzudenken. Das hätte wesentlich mehr Substanz als diese Wischi-Waschi-Pläne. 

1 Kommentar:

Anonym hat gesagt…

well said ...

Vor allem der Ansatz des Freiwilligenjahres für Maturanten klingt interessant.